Lyrikernte aus dem Waldgarten 2026: Hannes Wagner

Entstanden während der Ernte- und Lyrikwerkstatt SelbstVERSuche spezial am 18. Oktober 2026 im Spreeacker.

Foto © Ioanna Boukouvala
Foto © Ioanna Boukouvala

Ohne Titel

So lebt die Schwarznuss. Ins Nass
der dunkelgelben Dunkelheit gepresst.
Ein Tennisball, zerfetzt zwischen
Feldspat und Quarz. Zwei Freunden aus der Schule.

Und nach den Sommerferien: Anleitung zum Rauchtanz für
sozial entweihte Schwalben.
Der Himmel? Paarweise verkabelt.

Und die Erde? Hat die Einladung ausgeschlagen.
Schwer atmend liegt sie in ihrer Bahn. –

So lebt der Botenstoff. Durchgemorst
zum Glück der goldenen Synapsen.
Die Sanddornperlen schäumen herbstlich auf.
Zwei Arm in Arm ins Blau gepeitschte Zweige.

© Hannes Wagner
Hannes Wagner (*1997) ist aufgewachsen in Geretsried in Oberbayern. Studium der Musikwissenschaft in München und Montpellier. Er ist Programmheftredakteur am Konzerthaus Berlin. Seine Texte erschienen bisher in Positionen, Literarische Blätter, Die Falte und Honich.

Lyrikernte aus dem Waldgarten 2026: Hanno Hartwig

Foto © Isabel Fargo Cole

Die Sandameise

Vorhin, nach dem Ernteglück und abgeschnittenen
Zweigen lief eine Sandameise über den Tisch
an dem ich saß. Es suchte eindeutig, den Weg
zu seinem Nest zurück. Ach kleine Ameise,
du wirst ihn nie mehr finden. Keinen Ausgang keinen
Eingang, nur eine Erinnerung ist es die dir bleibt
in deinem Chitin. Wer hat dir das angetan?
Wer war so dreist, dich deinem Leben, wenn auch
ungewollt, völlig zu entreißen? Jetzt läufst du
über unbekanntes Terrain, findest keine Spur,
keinen Duft, du findest deinen Weg nicht mehr
zurück. Vielleicht hätte ich dir einen Namen
geben sollen. Deine tapferen Beinchen in noch kleinere
Schuhe stecken sollen. Vielleicht hättest du mich
Neue Heimat genannt, Neuland sozusagen,
das alleine dir gehört. Vielleicht hättest du etwas
über Horizonte gelernt, hättest Kabel verlegt,
ein Haus gebaut und eine Stadt gegründet,
der du meinen Namen gegeben hättest. Vielleicht
wäre ich ein Berg für dich geworden mit Achselhöhlen
Bauchwiesenfeldern, Brustwarzenhaltestellen,
und einem Mundraum, der dich hätte schmecken
können. Vielleicht hätte ich dich aber auch einfach nur
mit einem meiner Finger zerquetschen sollen,
um dir die Angst vor dem Alleinsein zu ersparen.

© Hanno Hartwig

(geschrieben am 19.10.2026, im Poesieworkshop „Wald Pflanzen, Wald schreiben“.)

Foto © Isabel Fargo Cole

Jetzt sind wir komplett

Tretet ein, ihr Spatzenjäger und ihr Amselheiligen, tretet näher,
ihr Harlekine und springenden Punkte. Das Licht wird euch
begrüßen, wird für euch tanzen, wird sich vom Hochseil eurer Gefühle
fallen lassen, in die Manege eurer Gedanken, die aus einem
Netz vergessener Worte besteht, damit der
Aufprall nach dem
Sturz in die Gegenwart nicht so hart ist.

Ihr müsst euch keine Sorgen machen, nicht das Gesicht
verziehen, nicht die Mundwinkel hängen lassen. Nein,
auf die Stromlinie achten zwischen Ankunft und Abflug,
auf die Begegnung mit der anderen Seite,
auf den Perspektivwechsel und den Farbwechsel der Rosen
im Rosenbeet. Melde gehorsamst,
Atriplex patula.
Die Melde meldet sich zum Rapport, und auch der

Weiße Gänsefuß, Chenopodium album, ist bereit zum Dienst
an der Natur. Was sich im Hintergrund wie Rauschen anhört,
sind mein Tinnitus, und Erlen, die mit Weiden und einer Gruppe
von Pappeln im Gespräch sind. Blesshühner klicken im Schilf,
Schwäne gleiten vorbei und ein Graureiher sitzt reglos
auf dem Stumpf einer Weide.
So werden sie versammelt, die Protagonisten meiner Gedichte.

© Hanno Hartwig

(Dieses Gedicht ist ein Auszug aus meinem neuen Manuskript,
in dem Bäume das zentrale Thema sind.)

Hanno Hartwig wurde in Kassel geboren. Er ist 69 Jahre alt und schreibt seit seiner Kindheit Gedichte. Er ist Mitglied in verschiedenen Literaturvereinen, und nach 50 jähriger Berufstätigkeit in Rente. Er hat drei Lyrikbände veröffentlicht, und ist in verschiedenen Anthologien zu finden.

Lyrikernte aus dem Waldgarten 2026: Filiz B.

Entstanden während der Ernte- und Lyrikwerkstatt SelbstVERSuche spezial am 18. Oktober 2026 im Spreeacker.

Schwarznuss, (c) Filiz B.

Die Reise im Spreeacker

Zitronen – Minze
Schoko – Melisse

Wie heisst der Baum doch gleich nochmal?
Ich war lange nicht auf dem Kinderspielplatz
Der Vogelbeer Baum verrät es mir nicht
Sie ist sauer und redet mit mir nicht

Zwei Dinge sollten Kinder haben
Wurzeln und Flügel
Ein Zitat aus einem Buche
von Johann Wolfgang von Goethe

Flieger lebte sein Leben so
Flieger war frei wie ein Vogel im Wind
Wohin er wollte, er machte einfach und ging

Eine Wohnung ein Klotz am Bein
Ein Industriezelt zu klein
Drum musste es ein größeres Zelt
Aus eigener Hand sein

Die Haare lang, die Augen himmel-blau
Sein Lachen herzlich lebendig und rauh

Feierte gern mit einem Lächeln im Gesicht
Übersehen konnte Flieger niemand nicht
Mit offenem Ohr, freundlichem Blick
Gab er Menschen ein kleines Stück vom Gli(ü)k

Flieger war wie ein mächtiger Baum
Im Herbst ein Schwarznuss Baum
Verwurzelt im Leben, schützend im Raum

© Filiz B.

Am 18. Oktober wird wieder geerntet: SelbstVERSuche 2026

Es ist wieder soweit – am 18. Oktober werden wir im Spreeacker im Herzen Berlins seltene Früche und Wörter ernten, gemeinsam schreiben und lesen, kochen und essen. Unsere Lyrikwerkstatt „Wald pflanzen, Wald schreiben“  findet wie immer in Zusammenarbeit mit dem Berliner Haus für Poesie statt. Wir freuen uns auf euch!

SelbstVERSuche
Wald pflanzen, Wald schreiben; Poetische Bildung; Workshop mit Isabel Fargo Cole, Birgit Kreipe, Michael LaFond; Einführung, Ernte- und Kochaktion; gemeinsames Essen; Poesiewerkstatt; am 12.10.2025

Wald pflanzen, Wald schreiben – Kollektivgedicht

Wir freuen uns, das Kollektivgedicht zu teilen, das Jugendliche beim Workshop „Wald pflanzen, Wald schreiben“ am 12. Oktober 2025 im Berliner Spreeacker verfasst haben und nun auf der Webseite des Hauses für Poesie veröffentlicht wurde – eine schöne Herbstreminiszenz, rechtzeitig zum Frühlingserwachen!

(c) Andrea Vollmer

berlin / spreeufer / reservat

rosmarin und salbei und herbstlaub gibt es
nasse blätter und zukunft und die gewerkschaft und
mülleimer mit stickern und hinweisen und mutsprüchen
„nerds gegen nazis“ „horst flip“ „betonkinder“ „dorf atzen“
„einkauf aktuell“ „frauen leben freiheit“ der sand
knirscht unter den sohlen wie die nebelkrähe
sich wegschwingt klappert das gatter klappert der bauzaun
paletten im regen grillschalen mit koks und quitten verfaulen
ein tischchen steht schräg die bierflasche schläft ihren rausch
aus die tipibewohner halten es mit sich selber aus ich kann
mir gar nicht vorstellen da zu leben und sehe einen
gartenschlauch der da
liegt und beißt sich ins eigene ende wie die zeit die
wiederkehrt und sich entrollt und weitergeht und
totenschädel gibt es schutzgeister vorm haus in lampen
gelegte schädel und wackersteine zum schutz des eigentums
für bäume zum halt windstöße gibt es und wogende halme
sich bäumende zweige bastsessel spaten und sandrechen
den grill vom letzten fest unter dem biertisch abgestellt die
sprudelkiste zum hocker erklärt den sand der den schritt
dämpft und blätter fallen von selber in den fluss in den sand
in mein gemüt und bauzäune gibt es und eco-toiletten und
den schneeball am zweig also beeren und pilze am
stammholz das wittert im wetter und stühle beiseitegestellt
wenn gerade kein fest ist und
möwen gibt es die schwingen sich über den fluss und
holzrauch gibt es und einen kleinen böse blickenden bären
aus plüsch mit irokesenschnitt und messerscheide
(maskottchen
auf eigenen wegen) und gestelzte sprüche vom
sightseeingboat die touristenfähre tuckert vorbei da wird
den leuten gesagt was sie nicht sehen geschichtetes reisig
hier ist kein hundeklo und malus domestica paradiesisch
verfärbt heißt der apfel der hier reift sonnengelb und ein
teich und ein bootshaus ein bunker aus ddr-zeiten mit yacht
in das ufer gebaut das wasser das gluckert wenn schon das
boot vor anker liegt und nicht tuckert das wasser erzählt von
fernen tagen der grenzpolizei am ort mit telefon um
meldung zu machen eine große glasscheibe direkt am Ufer
genau über dem Wasser der Spree eine flagge weht mit
totenkopfschädel hinter der die s-bahn kreuzt und treppen
ins untergeschoss gibt es und
unter den wimpeln bunt und einer regenbogenflagge
(solidarität) wird gekocht „tell people you love them“ der
feigenbaum sprießt mispeln von krähen überflogen
brennessel brennt noch wer hier einfach hinpinkelt hat nix
verstanden vom projekt qr-codes auf stickern die auf outlets
und brunchtimes hinweisen die s-bahn übertönt die spree
aber nicht wenn im bootshaus die wellen sich
übereinanderwerfen ich sehe kräne die alle in eine richtung
zeigen den gleichen weg gehen ich sehe zelte die leuten
unterschlupf bieten die darin wohnen ich sehe die spree auf
der müll schwimmt und blätter ich sehe vegetation die im
herbst ihre farben verliert und ihre blätter fallen lässt ich sehe
einen weg nass vom regen obwohl es nur genieselt hat ich
sehe wie von den blättern immer wieder tropfen runterfallen
sehe ein boot das über die spree fast fliegt und wellen
hinterlässt ich habe einen regenwurm gefunden den wir in
den kompost gelegt haben er hat sich direkt einen neuen
freund gesucht nämlich einen marienkäfer wir haben heute
eine Krähe getroffen auf der Suche nach einem metallisch
scheinenden Handy. Die uns helfen wollte, aber nicht wirklich
konnte. Sie hat mit sich gerungen. Sichtlich gerungen. Und
uns einen verschämten Blick zurückgelassen.
hier im bootshaus schwappt der wellengang unter unsere
stühle hier drin ist es wie in einem james bond-film und ich
habe richtig lust einfach auf die yacht zu springen und
loszufahrn es gibt einen ice-zug der immer wieder hier
langfährt und bäume im hintergrund die stillstehn was es
hier alles gibt rauch und mispelbäume es gibt
wasseroberflächen die sich in geschichte spiegeln bunte
häuser das größte „hier ist kein hundeklo“ von ganz berlin es
gibt regenwürmer die sich regenerieren es gibt ein kleines
affenspielzeug was vielleicht ein kleines kind zurückgelassen
hat das jetzt ganz traurig ist oder vielleicht auch schon
erwachsen man weiß es nicht es gibt marienkäfer in den
mülleimern die die äpfel essen es gibt ein ausgenommenes
fahrrad im gebüsch es gibt ein touriboot und es gibt die
durchsage auf dem touriboot dass hier das leben tobe wo
wir gerade sind es gibt eine riesenyacht auf die ich gerade
raufspringen möchte es gibt bäume die langsam ihre farbe
ändern weil sich das chlorophyll zurückzieht es gibt die zwei
flaggen die im wind schweben es gibt „für immer patzig“ ein
ruhiger ort in einer stadt die niemals schläft es gibt hier
geschichtetes reisig als zaun und steine die bäumen halt
geben es gibt kräne die in eine richtung zeigen es gibt ein
haus in dem ein treffen stattfindet es gibt leute die in diesen
häusern sind kennst du die leute und was es hier gibt kräuter
die du noch nie geschmeckt hast deren aroma dir am finger
klebt es gibt riesige karotten die wir nachher für die suppe
benutzen es gibt ranken die von den balkonen oben
runterrankeln es gibt eine aufgerissene tüte mit
gemüsechips um die sich alle drängen es gibt hier keinen
supermarkt es gibt hier keine flugzeuge es gibt hier keinen
sonnenschein es gibt hier keine autos es gibt hier keine
atombombe es gibt hier keine technik es gibt hier tatütataa
tatütataa es gibt hier keine märchen es gibt hier keine
fabelwesen wie drachen einhörner und meerjungfraun es
gibt hier kein theaterstück ich habe hunger ich auch so ist
das hier

Kollektivtext, entstanden am 12. Okt. 2025

Adele Gericke
Jason Trapp
Viktor Schultz
Sofia B. Riques Oxsalà
Minja Kukanjac
Souat Eslek
Valeria Kokorina
Kylie Haas

Workshopleitung

Timo Brunke, geboren 1972 in Stuttgart, studierte Evangelische Theologie in Tübingen und absolvierte eine Schauspielausbildung bei Frieder Nögge und Wolfgang Wilmes, sowie eine Sprechausbildung bei Heide Mende-Kurz und lebt in Stuttgart. Von 1999 bis 2009 war er Mitglied der Liedermacherschule SAGO/Christof Stählin. Neben einer umfangreichen Auftritts- und Vermittlungstätigkeit im deutschsprachigen Raum ist er seit 2012 Dozent für Deutschlehrkräfte am Literaturpädagogischen Zentrum des Stuttgarter Literaturhauses. Seit 2016 arbeitet er als Konzertpoet mit Orchestern. Er veröffentlichte vier Gedichtbände, zuletzt Mitteleuropapperlapapp (2023), sowie seit 2015 mehrere Praxisbücher für den Deutschunterricht.

Isabel Fargo Cole, geboren 1973 in Galena, Illinois, wuchs in New York City auf und lebt seit 1995 als Autorin und Übersetzerin in Berlin. Ihr Romandebut Die grüne Grenze (Edition Nautilus 2017) wurde für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Ihr zweiter Roman Das Gift der Biene erschien 2019 in der Edition Nautilus und wurde für die LiteraTour Nord ausgewählt. Um Brücken zwischen ihrer künstlerischen Tätigkeit und ihrer langzeitigen Beschäftigung mit ehrenamtlichen Forstprojekten zu schlagen, hat sie 2020 das Projekte „Waldschaffen – Kulturschaffende schaffen Wald“ initiiert. 2025 erschien von ihr Das Zenonzän. Paradoxien des Fortschritts (Edition Nautilus).

Birgit Kreipe, geboren in Hildesheim, studierte Psychologie und Germanistik in Marburg, Wien und Göttingen und lebt in Berlin. Jüngere Veröffentlichungen umfassen den Gedichtband aire (kookbooks 2021), sowie Übersetzungen aus dem Englischen in Grand Tour. Reisen durch die junge Lyrik Europas (Hanser 2019). 2021 erschien zudem der von ihr mit-herausgegebene Band Rote Spindel, schwarze Kreide. Märchen im Gedicht (Edition Azur). Für ihre Arbeit erhielt sie in den vergangenen Jahren mehrere Auszeichnungen und Stipendien, darunter ein Arbeitsstipendium des Berliner Senats (2021), ein Stipendium der Deutschen Akademie Rom, Casa Baldi (2022), den Literaturpreis der A und A Kulturstiftung (2022), ein Werkstipendium des Deutschen Lit­­eraturfonds (2023), sowie 2025 ein Stipendium der Villa Aurora in Los Angeles.

Michael Lafond arbeitet als multidisziplinärer, unabhängiger Akteur an den Schnittstellen von Gemeinwohl und kollektivem Eigentum in Berlin. Seit 2011 ist er an der Entwicklung der Spreefeld Housing Cooperative sowie der Initiative Spreeacker beteiligt und engagiert sich langjährig im Bereich Community-Led Housing sowie bei der Berliner Stadtbodenstiftung. Ausgangspunkt der Projekte ist die Theorie und Praxis der Sozialökologie mit einem besonderen Fokus auf Dialog, Selbstorganisation und lokalen urbanen Initiativen. Er koordiniert Bildungsangebote, Netzwerkveranstaltungen und Publikationen zu Genossenschaften und Co-Housing, sowie zu verwandten Themen wie Community Land Trusts und Urban Agriculture im Kontext einer postwachstumsorientierten, demokratischen Stadtentwicklung. Zu den Veröffentlichungen zählen unter anderem die eBooks Social-Ecological Cooperative Housing, Co-Housing Cultures und CoHousing Inclusive.

Lyrik aus der Waldgarten-Werkstatt #2: Filiz B.

DEN SOMMER VERPASST

Der Brombeerstrauch, der Brombeerstrauch
Zeigt Punkte an seinem Beerenstrauch

Auf dem grünen Blatt ein` Schneck`
`Ne andere daneben ums Eck`

Der Brombeerstrauch spricht leise zu ihr
Vermisst`den Sommer, so scheint`s mir

`Ne reife Brombeere gewiss
Diesen Sommer Du nicht vergisst

Entstanden während der Ernte- und Lyrikwerkstatt SelbstVERSuche spezial am 12. Oktober 2025.

Filiz B. ist beim Spreeacker e. V. aktiv. 

Lyrik aus der Waldgarten-Werkstatt #1: Hanno Hartwig

©Andrea Vollmer

Herbstimpressionen

Wie damals, als die ersten Blumen blühten,
und Winterbilder, keilschattig, auf das Licht
des Frühlings trafen. So blühen auch
die Astern jetzt, mit blauem Herbstgefieder.

Ihre Schwestern krümmen kaum des Feldes
Furchen, die dämmernass im Regenwasser
baden. Schlammgesprenkelt, eine Mauer,
als Grenze für die Stimmen, die sich bündeln.

Giftig sind die Herbstzeitlosen, ihr rosazartes
Kleid spiegelt sich in keiner Pfütze wider.
Nur zwei Augenpaare küssen sich im Stillen,
um das Leben neu zu kalibrieren. 

Der Maulwurf hat sich eingegraben, bereit
schon für die Zeit der Ruhe, und bleibt
auch an den Wurzeln still. Bäume schütteln
welke Lasten aus den Kronen. Blätter fallen

Taumelnder zu Boden und decken zwischen
Weg und Feld die Spur gelebten Lebens zu.
Wie oft hab ich den Herbst besungen,
mir meinen Lohn vom Zweig gepflückt. 

Meist ging ich dann ein Stück und blieb,
der Impression des Herbstes folgend,
auf nebelfeuchten Wegen, nah des Waldes,
an einem See mit wilden Rosen stehen.

 

Der Grund etwas zu spiegeln

Wie sanft das matte nebelweiße Trübe,
wie tief der Blick ins Nichts.
Nichts trübt den Blick, wenn man von
Innen sieht, nichts hebt den Blick

Wenn es von außen neu betrachtet wird.
Wer stirbt, wer lebt, wer bleibt
im Sein der Dinge, wenn die Ringe die
man wirft mit einem Stein,

Wie von selbst gespiegelt werden?
Du fragst dich ob es einen Grund
gibt, für das Tiefe, das man in sich selber
fühlt. Sieh in das Weite Freund 

Und lebe von Horizont zu Horizont,
auch wenn das Sterben dunkel ist.
Das Wandelbare spielt dir ins Gewissen,
wie es das schon immer tat.

Es grüßt und lässt dich herzlich grüßen,
es weiß, und weiß doch wieder
nicht. Schau, die Laterne ist das Licht,
es spiegelt sich in einer Pfütze.

 

Leb wohl trommelt der Specht

Dem Baum, der alt schon über viele Jahre
in rot und gelb sich taucht,
wenn Licht und Ferne, im Bund mit Nebeln,
über umgepflügten Feldern raucht,

 Ist mir als legt sich Neues in die Furchen,
die in Erwartung auf den Winter ruhen.
Erntedank, und Schatten brennen mit den Feuern.
Ein letztes müdes Blatt. Wenn es fällt ist mir,

Als winkt es den Getreuen, des Baumes
zu gedenken, der im Sommer durch die Stürme fiel.
Grün war sein Gezweig im Havelland
bevor die alte Wurzel brach. Jetzt liegt er,

Eine Ribbecksche Legende, dem keine Zeit
mehr blieb, den Korb des Pflückers zu befüllen.
Maschinenrüttler schütteln jetzt die Bäume.
Förderbänder brummen. In Sekunden 

Ist die Plantage leergeräumt. Der Herbst
hat keine Zeit mehr zu verlieren.
Nur ein Specht, im Wald, lockt trotz des Sterbens,
den Takt des Wandelbaren aus den Bäumen.

 © Hanno Hartwig

Entstanden anläßlich der Ernte- und Lyrikwerkstatt SelbstVERSuche spezial am 12. Oktober 2025.

Hanno Hartwig wurde in Kassel geboren. Er ist 68 Jahre alt und schreibt seit seiner Kindheit Gedichte. Er ist Mitglied in verschiedenen Literaturvereinen, und nach 50 jähriger Berufstätigkeit in Rente. Er hat drei Lyrikbände veröffentlicht, und ist in verschiedenen Anthologien zu finden.

Eindrücke aus der Waldgarten-Werkstatt #2: Lyrikworkshop

Jugendliche beim Schreibworkshop im Bootshaus. Foto ©️ Andrea Vollmer
Gedichtschnipsel, Schwarznüsse, Mispeln, Sanddorn beim Lyrikworkshop im Gemeinschaftsraum des Spreefelds. Foto ©️ Andrea Vollmer
Michael LaFond vom Spreeacker schnipselt ein Gedicht zusammen. Foto ©️ Andrea Vollmer
Werkstattleiterin Birgit Kreipe stellt Buchempfehlungen vor. Foto ©️ Andrea Vollmer

Eindrücke aus der Waldgarten-Werkstatt #1: Ernteaktion

Ein paar visuelle Impressionen des Workshops „SelbstVERSuche spezial
WaldGarten – Erntedank!“ vom 12. Oktober 2025. Mit herzlichen Dank an Michael LaFond und das Spreeacker-Team, das Haus für Poesie und Birgit Kreipe – sowie an Andrea Vollmer für die wunderschönen Fotos!

Foto ©️ Andrea Vollmer
Blick vom Spreeufer. Foto ©️Andrea Vollmer
Im Waldgarten. Foto ©️Isabel Fargo Cole
Im Waldgarten. Foto ©️ Andrea Vollmer
Ölweide. Foto ©️ Isabel Fargo Cole
Sanddorn. Foto ©️ Andrea Vollmer
Schwarznüsse. Foto ©️ Andrea Vollmer
Die Ernte: Sanddorn, Ölweide, Schwarznüsse, Quitten, Kräuter. Foto ©️ Andrea Vollmer