Winterwerkstatt: SelbstVERSuche II, 11./13. Dezember 2021

Wir wagen es – die 2. Auflage der „SelbstVERSuche spezial: Wald pflanzen, Wald schreiben“ im Zusammenarbeit mit dem Haus für Poesie!
Am 11. Dezember werden wir in der Stolper Heide Buchen pflanzen und Lagerfeuer machen. Und am 13. Dezember gibt’s im Berliner Haus für Poesie eine Lyrikwerkstatt für alle, die gern Waldgedichte schreiben oder schreiben möchten.
Wir würden uns sehr freuen, euch am 11. oder am 13. Dezember oder an beiden Tagen zu begrüssen! (Bitte die begrenzte Teilnehmerzahl bei der Werkstatt am 13.  Dezember beachten.)

Weitere Details findet ihr unter Aktionen/Veranstaltungen.

Änderungen sind (leider) vorbehalten und werden rechtzeitig bekannt gegeben.

Eindrücke der letzten Werkstatt und Pflanzaktion (Oktober 2020) findet ihr hier bzw. hier und Kostproben der entstandenen Gedichten findet ihr weiter unten im Blog. Und hier noch ein paar Bilder der schönen Oktoberaktionen …

Wir sammeln Eicheln mit Revierförster Peter Cyriax, 10. Oktober 2020
Lyrikwerkstatt mit Waldfundstücken, 12. Oktober 2020

 

Prunus serotina

Zwiespältige Hommage an die Spätblühende Traubenkirsche, die wir letzte Woche in der Stolper Heide gelichtet haben, um die Artenvielfalt zu fördern:

Prunus serotina

Spät ist es, aber nicht zu spät. Und das Blühende
ist es, das blüht. Früchtetragend, schwarz und
gediegen. Zähl die Lentizellen, da wo das Harz
austritt, wenn du es mit dem Messer ritzt oder
schneidest, oder über die Rinde schabst. Die
Wurzeln sind zäh und breit, fächern sich durch
den Boden, fächern für die Behauptung sich
selbst zu behaupten. Nichts Göttliches ist daran,
nichts Großes, nichts Weises, nur der beißende
Duft nach dem Brechen des Zweigs. Spät ist es,
aber nicht zu spät. Und das Blühende ist es, das
blüht. Ein Dickicht zwischen den Bäumen, das
Früchte trägt, später, schwarz und gediegen, und
das Laub so fremd und so anders ohne Ansatz
die Anderen zu lieben, oder heimisch zu werden.
Schattenreich endet das Keimen der Linden,
schweigen die Samen der Eichen, der Buchen,
kümmert selbst der Holunder, durch den Prunus,
den Späten, die serotina. Spielt Lieder, wenn die
Säge angesetzt wird, wenn die Wurzeln gerodet,
und Licht auf den Boden unserer Bäume fällt.

Hanno Hartwig 17.9.2021

Saisoneröffnung – Feierabendtraubenkirschen, 21.09.21, 16 Uhr

Nach einer viel zu langen Pause, aber gerade rechtzeitig, um das goldene Herbstwetter auszunutzen, melden wir uns endlich mit einer neuen Waldpflegeaktion zurück. Es geht wieder einmal mit dem Revierförster Peter Cyriax in die Stolper Heide unweit des S-Bahnhofs Heiligensee, um die invasive Traubenkirsche aus den Waldbeständen zu entfernen. (Mit etwas Glück sind deren durchaus leckere Früchte reif und können nebenbei vernascht/gesammelt werden …) Wer an diesem Dienstag (den 21.09.21) die Möglichkeit hat, früh Feierabend zu machen, ist herzlich eingeladen, mit uns den voraussichtlich schönen Herbsttag aktiv im Wald ausklingen zu lassen!

Anmeldung erforderlich, weitere Infos hier.

Wie immer freuen wir uns besonders über die Teilnahme von Kulturschaffenden, und ganz besonders, wenn diese sich durch das Walderlebnis zu einem kleinen künstlerischen Blogbeitrag (Photo, Text usw.) inspiriert fühlen!

Neujahrsgruß/Gedichte aus der Waldwerkstatt V: Ulrike

Nach längerer Feiertagspause begrüßen wir das neue Jahr mit einem weiteren Gedicht aus der Werkstatt „Wald pflanzen, Wald schreiben“ – Winterstimmung und Frühlingssehnsucht.

Farn

Ein abgerissener Zweig,
Verwelkt, verdorrt,
Trockenbraun und brüchig,
Zurückgelassen vom Sommer,
Weggeworfen, verweht,
In vergangener Bewegung verharrend,
Filigran, gefiedert,
Zeigt, wie jedes Jahr,
Die starre Zeit an.

Aus frostkahler Erde,
Mit Pflanzenresten überstreut,
Keimen Erinnerungen
An zartes, helles Grün,
Von unsichtbar verwurzelten,
Verzweigten Trieben hervorgebracht,
Steigt Sehnsucht
Nach Wachsen und Wuchern
Üppiger Farne, waldhoch.

Ulrike, geboren 1952, Buchhändlerin, Psychotherapeutin, 1992 von Westen nach Osten gewandert, lebe am Waldrand, schreibe seit Jahrzehnten Tagebuch, Berichte, Geschichten und Gedichte.

Dieses Gedicht entstand im Rahmen der Werkstatt „Wald pflanzen, Wald schreiben“ am 12. Oktober 2020 im Haus für Poesie.

 

Gedichte aus der Waldwerkstatt IV: Barbara Wiebking

I

Ein kleiner Eichling
neben blauschwarzer Feder,
er strebt nach dem Licht.

 

II

Bei unserer Lyrikwerkstatt „Wald pflanzen, Wald schreiben“ brachte die Werkstattleiterin Birgit Kreipe Land- und Forstwirtschaftliche Zeitungen mit, die Bilder und Fachtexte als kreativ zu verfremdende „Gedichtrohstoff“ lieferten – u. a. für folgendes Gedicht.

 

Als ———————–
——– Fux ————–
—————– mit —–
— milchtypisch ——–
—- starker Schulter, —
feminine —————–
—– Haselünne, ——–
—- Reservesiegerin. —

Rolle ——————–
———- Bulle ———
— Wille ——— Chilli

Frisch und straff in der Lende
— Tohuwabohu ——–
————— alte Kühe.

Tolle Vordereuter, ——
harmonische Übergänge,
————- Algenblume,
Powerhouse rotbunt. —

Guillaume ————–
schwärmte von ——–
überwältigenden ——
Embryonenverträgen,
— dänische ————
— abgekalbte ———
— Landwirtin ———
———- erhielt ——–
— Dream —– von —–
Fried ——- helm. —-

Barbara Wiebking stammt aus Niedersachsen, lebt jedoch seit 20 Jahren in Berlin. Sie übersetzt aus dem Englischen, Französischen und Italienischen, liebt Chorgesang und liest gern. Außerdem pflanzt sie immer wieder mal Bäume und mag Waldspaziergänge.

Absage und Aussichten

Es war doch zu schön, um wahr zu sein – die Performancereihe „ONE for ONE“ musste aus aktuellem Anlaß leider umkonzipiert werden, so dass eine Präsentation der Werkstattgedichte in diesem Rahmen nicht mehr sinnvoll wäre. Trotzdem vielen Dank an das ONE-for-ONE-Team für die Mut, ein solches Experiment zu wagen!

Die Vorbereitungen haben immerhin für einen neuen Schub an Gedichten gesorgt, die demnächst hier erscheinen werden.

Darauf können wir uns freuen, sowie auf weitere Pläne und Kooperationen im neuen Jahr, egal, welche Schwierigkeiten noch auf uns zukommen.

Lassen wir uns von den vielen Menschen unterschiedlichster Kreise inspirieren, die mit Ausdauer, starken Nerven und Erfindungsreichtum dafür gesorgt haben, dass 2020 ein kulturelles und soziales Leben weiterhin stattfinden konnte!

Waldschaffen-Lesung 17.12.20 auf dem Ku’damm

Unglaublich aber wahr – ein beherztes Kulturteam hat einen Weg gefunden, unter Einhaltung der Corona-Regeln kulturelle Begnungen „in real life“ zu ermöglichen, und zwar im 1-zu-1-Format. In einem leeren Ladenlokal im Kufürstendamm 51 werden vom 12.-20. Dezember 2020 Lesungen und Performances mitten im Weihnachtstrubel stattfinden. Am 17. Dezember von 13-15 Uhr wird auch Waldschaffen dabei sein – Isabel Fargo Cole wird Waldgedichte verschiedener Teilnehmende unseres Workshops „Wald pflanzen, Wald schreiben“ präsentieren.

ONE for ONE ist ein Ladenlokal mitten am Ku’damm Berlin, wo Besucher*innen in 1 zu 1-Performances individuell beschenkt werden. In kurzen Slots treffen die teilnehmenden Künstler*innen auf eine*n Besucher*in.
In diesen Minuten kann einem Text oder Musik gelauscht werden, ein Tanz oder eine Performance betrachtet werden. Das Erlebnis findet nur in diesem Raum zu dieser bestimmten Zeit statt  – ein Geschenk für Besucher*innen und eine Bühne für Musiker*innen, Performer*innen und Literat*innen.
Drei Plätze in jedem Slot können online gebucht werden, drei weitere stehen für spontane Besucherinnen und Besucher zur Verfügung. Weitere Infos und Buchungen hier.
Ich freue mich auf das schöne Experiment und sechs spannende Begegnungen!

Gedichte aus der Waldwerkstatt III: Rosemarie Küppers

Gedichte-Workshop I am 12.10.2020

Wir gingen unter den Eicheln im Wald, krochen mit gebeugten Rücken, knieten, sammelten Eicheln für den Förster, aus denen in langer Zeit wieder Eichelbäume werden sollten, wenn das Einpflanzen gelang. Es erinnerte mich an die Erzählungen meiner Eltern und Großeltern, aus den Hungerwintern der letzten Kriegsjahre, das verband sich mit dem Besonderen, was ich von der „deutschen“ Eiche wusste, was sie symbolisierte, und daraus wurde spontan das folgende Gedicht:

Im Futterwald

Eiche. Eichelbaum.
Heiliger Baum
der Tausend Jahre
an deren Ende
sie durch die Wälder krochen
hungrig und stumm
in dunklen Kleidern
über die knackenden Nüsse
im polierten glänzenden Haus
von Zucker Stärke und Protein
gebeugt wie Tiere
das Gesicht an der Erde

bei Tannenzapfen und Moos.
Später würden sie rösten und mahlen
backen und essen
auch die mit den Egerlingen
im bitteren Brot.
Noch unterm Bombengeschwader
die Arme gereckt
vor den Eichenzweigen
auf Schulterklappen und Helm
derer die sich
die Ewigkeit holten
wie vom Baum der alten Götter
als Essenz im Eichenlaub.

Rosemarie Küppers, Jahrgang 1953, geb. im Nordschwarzwald, seit 1971 in Berlin. Abitur auf dem „2. Bildungsweg“ und Jura-Studium. Vielfältige Berufstätigkeit, u.a. als Übersetzerin, freie Journalistin, Rechtsanwältin, Lehrbeauftragte für Umweltrecht, zuletzt Lehrkraft an berufsbildenden Schulen. Seit Rentenbeginn endlich mehr Zeit und Lust zum Schreiben .

Gedichte aus der Waldwerkstatt II: Marielle Matthee

(c) Mariëlle Matthee

Ich blinzelte eine Sekunde lang mit meinen Augenlidern. Eine Sekunde lang, viel länger als gewöhnlich, und das Sonnenlicht traf meine Pupillen, als ich die Augen öffnete. Ich sah die Bäume zwischen den Wimpernschatten, sah eine Sekunde lang, wie sie sich vor meinen Augen bewegten. Eine Bewegung, die mir nie bewusst war, eine Bewegung, die fast unmerklich war. Ich sah, wie sich das Grünfließen ihrer Kronen zum Boden neigte, und in dem Grünfließen sah ich, was ich für unmöglich hielt: Tränen. In nur einer Sekunde, dem Moment zwischen dem Licht, das in meine Augen eindrang, und dem Verstehen dessen, was ich sah.

I flashed my eyelids for one second. A second long, much longer than usual, and the sunlight hit my pupils when I opened my eyes. I saw the trees between the shadow of my lashes and saw one second long how they moved in front of my eyes. A motion I was never aware of, a motion almost unperceivable. I saw the greenflow of their crowns bow towards the ground and in the greenflow I saw what I thought was impossible: tears. In just a second, the moment between the light entering my eyes and the understanding of what I saw.  

Mariëlle Matthee ist eine niederländische Schriftstellerin und Dichterin mit einem Hauch von internationaler Gerechtigkeit. Sie lebt seit September 2020 in Berlin und sie studiert dort, wo die menschliche Sprache aufhört und die natürliche Sprache anfängt.

Dieses Gedicht entstand im Rahmen der Werkstatt „Wald pflanzen, Wald schreiben“ am 12. Oktober 2020 im Haus für Poesie.

Eichennester im Grenzstreifen

(c) Robbie Morrison, licensed Creative Commons CC‑BY‑4.0

Am 24. Oktober 2020 haben wir ein Stück der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze am Südrand der Stolper Heide mit Eichensämlingen aus der Umgebung bepflanzt. Zwischen den Kiefern, die seit dem Mauerfall im ehemaligen Grenzstreifen wachsen, haben wir kleine Flächen freigelegt, um jeweils 25 Eichensämlinge in „Nestern“ zu pflanzen. Frei nach dem Motto „Gemeinsam ist man stärker“ haben die kleinen Eichen so bessere Chancen, von den Rehen nicht vernascht zu werden.

(c) Robbie Morrison, licensed Creative Commons CC‑BY‑4.0

Leider ist es im Moment sehr unsicher, wann weitere Pflanzungen stattfinden können. Umso mehr freue ich mich, dass Robbie Morrison die Aktion und die Stimmung des goldenen Herbstes mit wunderschönen Fotos festgehalten hat.

(c) Robbie Morrison, licensed Creative Commons CC‑BY‑4.0

 

(c) Robbie Morrison, licensed Creative Commons CC‑BY‑4.0

Isabel Fargo Cole