Wir freuen uns, das Kollektivgedicht zu teilen, das Jugendliche beim Workshop „Wald pflanzen, Wald schreiben“ am 12. Oktober 2025 im Berliner Spreeacker verfasst haben und nun auf der Webseite des Hauses für Poesie veröffentlicht wurde – eine schöne Herbstreminiszenz, rechtzeitig zum Frühlingserwachen!

berlin / spreeufer / reservat
rosmarin und salbei und herbstlaub gibt es
nasse blätter und zukunft und die gewerkschaft und
mülleimer mit stickern und hinweisen und mutsprüchen
„nerds gegen nazis“ „horst flip“ „betonkinder“ „dorf atzen“
„einkauf aktuell“ „frauen leben freiheit“ der sand
knirscht unter den sohlen wie die nebelkrähe
sich wegschwingt klappert das gatter klappert der bauzaun
paletten im regen grillschalen mit koks und quitten verfaulen
ein tischchen steht schräg die bierflasche schläft ihren rausch
aus die tipibewohner halten es mit sich selber aus ich kann
mir gar nicht vorstellen da zu leben und sehe einen
gartenschlauch der da
liegt und beißt sich ins eigene ende wie die zeit die
wiederkehrt und sich entrollt und weitergeht und
totenschädel gibt es schutzgeister vorm haus in lampen
gelegte schädel und wackersteine zum schutz des eigentums
für bäume zum halt windstöße gibt es und wogende halme
sich bäumende zweige bastsessel spaten und sandrechen
den grill vom letzten fest unter dem biertisch abgestellt die
sprudelkiste zum hocker erklärt den sand der den schritt
dämpft und blätter fallen von selber in den fluss in den sand
in mein gemüt und bauzäune gibt es und eco-toiletten und
den schneeball am zweig also beeren und pilze am
stammholz das wittert im wetter und stühle beiseitegestellt
wenn gerade kein fest ist und
möwen gibt es die schwingen sich über den fluss und
holzrauch gibt es und einen kleinen böse blickenden bären
aus plüsch mit irokesenschnitt und messerscheide
(maskottchen
auf eigenen wegen) und gestelzte sprüche vom
sightseeingboat die touristenfähre tuckert vorbei da wird
den leuten gesagt was sie nicht sehen geschichtetes reisig
hier ist kein hundeklo und malus domestica paradiesisch
verfärbt heißt der apfel der hier reift sonnengelb und ein
teich und ein bootshaus ein bunker aus ddr-zeiten mit yacht
in das ufer gebaut das wasser das gluckert wenn schon das
boot vor anker liegt und nicht tuckert das wasser erzählt von
fernen tagen der grenzpolizei am ort mit telefon um
meldung zu machen eine große glasscheibe direkt am Ufer
genau über dem Wasser der Spree eine flagge weht mit
totenkopfschädel hinter der die s-bahn kreuzt und treppen
ins untergeschoss gibt es und
unter den wimpeln bunt und einer regenbogenflagge
(solidarität) wird gekocht „tell people you love them“ der
feigenbaum sprießt mispeln von krähen überflogen
brennessel brennt noch wer hier einfach hinpinkelt hat nix
verstanden vom projekt qr-codes auf stickern die auf outlets
und brunchtimes hinweisen die s-bahn übertönt die spree
aber nicht wenn im bootshaus die wellen sich
übereinanderwerfen ich sehe kräne die alle in eine richtung
zeigen den gleichen weg gehen ich sehe zelte die leuten
unterschlupf bieten die darin wohnen ich sehe die spree auf
der müll schwimmt und blätter ich sehe vegetation die im
herbst ihre farben verliert und ihre blätter fallen lässt ich sehe
einen weg nass vom regen obwohl es nur genieselt hat ich
sehe wie von den blättern immer wieder tropfen runterfallen
sehe ein boot das über die spree fast fliegt und wellen
hinterlässt ich habe einen regenwurm gefunden den wir in
den kompost gelegt haben er hat sich direkt einen neuen
freund gesucht nämlich einen marienkäfer wir haben heute
eine Krähe getroffen auf der Suche nach einem metallisch
scheinenden Handy. Die uns helfen wollte, aber nicht wirklich
konnte. Sie hat mit sich gerungen. Sichtlich gerungen. Und
uns einen verschämten Blick zurückgelassen.
hier im bootshaus schwappt der wellengang unter unsere
stühle hier drin ist es wie in einem james bond-film und ich
habe richtig lust einfach auf die yacht zu springen und
loszufahrn es gibt einen ice-zug der immer wieder hier
langfährt und bäume im hintergrund die stillstehn was es
hier alles gibt rauch und mispelbäume es gibt
wasseroberflächen die sich in geschichte spiegeln bunte
häuser das größte „hier ist kein hundeklo“ von ganz berlin es
gibt regenwürmer die sich regenerieren es gibt ein kleines
affenspielzeug was vielleicht ein kleines kind zurückgelassen
hat das jetzt ganz traurig ist oder vielleicht auch schon
erwachsen man weiß es nicht es gibt marienkäfer in den
mülleimern die die äpfel essen es gibt ein ausgenommenes
fahrrad im gebüsch es gibt ein touriboot und es gibt die
durchsage auf dem touriboot dass hier das leben tobe wo
wir gerade sind es gibt eine riesenyacht auf die ich gerade
raufspringen möchte es gibt bäume die langsam ihre farbe
ändern weil sich das chlorophyll zurückzieht es gibt die zwei
flaggen die im wind schweben es gibt „für immer patzig“ ein
ruhiger ort in einer stadt die niemals schläft es gibt hier
geschichtetes reisig als zaun und steine die bäumen halt
geben es gibt kräne die in eine richtung zeigen es gibt ein
haus in dem ein treffen stattfindet es gibt leute die in diesen
häusern sind kennst du die leute und was es hier gibt kräuter
die du noch nie geschmeckt hast deren aroma dir am finger
klebt es gibt riesige karotten die wir nachher für die suppe
benutzen es gibt ranken die von den balkonen oben
runterrankeln es gibt eine aufgerissene tüte mit
gemüsechips um die sich alle drängen es gibt hier keinen
supermarkt es gibt hier keine flugzeuge es gibt hier keinen
sonnenschein es gibt hier keine autos es gibt hier keine
atombombe es gibt hier keine technik es gibt hier tatütataa
tatütataa es gibt hier keine märchen es gibt hier keine
fabelwesen wie drachen einhörner und meerjungfraun es
gibt hier kein theaterstück ich habe hunger ich auch so ist
das hier
Kollektivtext, entstanden am 12. Okt. 2025
Adele Gericke
Jason Trapp
Viktor Schultz
Sofia B. Riques Oxsalà
Minja Kukanjac
Souat Eslek
Valeria Kokorina
Kylie Haas
Workshopleitung
Timo Brunke, geboren 1972 in Stuttgart, studierte Evangelische Theologie in Tübingen und absolvierte eine Schauspielausbildung bei Frieder Nögge und Wolfgang Wilmes, sowie eine Sprechausbildung bei Heide Mende-Kurz und lebt in Stuttgart. Von 1999 bis 2009 war er Mitglied der Liedermacherschule SAGO/Christof Stählin. Neben einer umfangreichen Auftritts- und Vermittlungstätigkeit im deutschsprachigen Raum ist er seit 2012 Dozent für Deutschlehrkräfte am Literaturpädagogischen Zentrum des Stuttgarter Literaturhauses. Seit 2016 arbeitet er als Konzertpoet mit Orchestern. Er veröffentlichte vier Gedichtbände, zuletzt Mitteleuropapperlapapp (2023), sowie seit 2015 mehrere Praxisbücher für den Deutschunterricht.
Isabel Fargo Cole, geboren 1973 in Galena, Illinois, wuchs in New York City auf und lebt seit 1995 als Autorin und Übersetzerin in Berlin. Ihr Romandebut Die grüne Grenze (Edition Nautilus 2017) wurde für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Ihr zweiter Roman Das Gift der Biene erschien 2019 in der Edition Nautilus und wurde für die LiteraTour Nord ausgewählt. Um Brücken zwischen ihrer künstlerischen Tätigkeit und ihrer langzeitigen Beschäftigung mit ehrenamtlichen Forstprojekten zu schlagen, hat sie 2020 das Projekte „Waldschaffen – Kulturschaffende schaffen Wald“ initiiert. 2025 erschien von ihr Das Zenonzän. Paradoxien des Fortschritts (Edition Nautilus).
Birgit Kreipe, geboren in Hildesheim, studierte Psychologie und Germanistik in Marburg, Wien und Göttingen und lebt in Berlin. Jüngere Veröffentlichungen umfassen den Gedichtband aire (kookbooks 2021), sowie Übersetzungen aus dem Englischen in Grand Tour. Reisen durch die junge Lyrik Europas (Hanser 2019). 2021 erschien zudem der von ihr mit-herausgegebene Band Rote Spindel, schwarze Kreide. Märchen im Gedicht (Edition Azur). Für ihre Arbeit erhielt sie in den vergangenen Jahren mehrere Auszeichnungen und Stipendien, darunter ein Arbeitsstipendium des Berliner Senats (2021), ein Stipendium der Deutschen Akademie Rom, Casa Baldi (2022), den Literaturpreis der A und A Kulturstiftung (2022), ein Werkstipendium des Deutschen Literaturfonds (2023), sowie 2025 ein Stipendium der Villa Aurora in Los Angeles.
Michael Lafond arbeitet als multidisziplinärer, unabhängiger Akteur an den Schnittstellen von Gemeinwohl und kollektivem Eigentum in Berlin. Seit 2011 ist er an der Entwicklung der Spreefeld Housing Cooperative sowie der Initiative Spreeacker beteiligt und engagiert sich langjährig im Bereich Community-Led Housing sowie bei der Berliner Stadtbodenstiftung. Ausgangspunkt der Projekte ist die Theorie und Praxis der Sozialökologie mit einem besonderen Fokus auf Dialog, Selbstorganisation und lokalen urbanen Initiativen. Er koordiniert Bildungsangebote, Netzwerkveranstaltungen und Publikationen zu Genossenschaften und Co-Housing, sowie zu verwandten Themen wie Community Land Trusts und Urban Agriculture im Kontext einer postwachstumsorientierten, demokratischen Stadtentwicklung. Zu den Veröffentlichungen zählen unter anderem die eBooks Social-Ecological Cooperative Housing, Co-Housing Cultures und CoHousing Inclusive.
