
Die Sandameise
Vorhin, nach dem Ernteglück und abgeschnittenen
Zweigen lief eine Sandameise über den Tisch
an dem ich saß. Es suchte eindeutig, den Weg
zu seinem Nest zurück. Ach kleine Ameise,
du wirst ihn nie mehr finden. Keinen Ausgang keinen
Eingang, nur eine Erinnerung ist es die dir bleibt
in deinem Chitin. Wer hat dir das angetan?
Wer war so dreist, dich deinem Leben, wenn auch
ungewollt, völlig zu entreißen? Jetzt läufst du
über unbekanntes Terrain, findest keine Spur,
keinen Duft, du findest deinen Weg nicht mehr
zurück. Vielleicht hätte ich dir einen Namen
geben sollen. Deine tapferen Beinchen in noch kleinere
Schuhe stecken sollen. Vielleicht hättest du mich
Neue Heimat genannt, Neuland sozusagen,
das alleine dir gehört. Vielleicht hättest du etwas
über Horizonte gelernt, hättest Kabel verlegt,
ein Haus gebaut und eine Stadt gegründet,
der du meinen Namen gegeben hättest. Vielleicht
wäre ich ein Berg für dich geworden mit Achselhöhlen
Bauchwiesenfeldern, Brustwarzenhaltestellen,
und einem Mundraum, der dich hätte schmecken
können. Vielleicht hätte ich dich aber auch einfach nur
mit einem meiner Finger zerquetschen sollen,
um dir die Angst vor dem Alleinsein zu ersparen.
© Hanno Hartwig
(geschrieben am 19.10.2026, im Poesieworkshop „Wald Pflanzen, Wald schreiben“.)

Jetzt sind wir komplett
Tretet ein, ihr Spatzenjäger und ihr Amselheiligen, tretet näher,
ihr Harlekine und springenden Punkte. Das Licht wird euch
begrüßen, wird für euch tanzen, wird sich vom Hochseil eurer Gefühle
fallen lassen, in die Manege eurer Gedanken, die aus einem
Netz vergessener Worte besteht, damit der
Aufprall nach dem
Sturz in die Gegenwart nicht so hart ist.
Ihr müsst euch keine Sorgen machen, nicht das Gesicht
verziehen, nicht die Mundwinkel hängen lassen. Nein,
auf die Stromlinie achten zwischen Ankunft und Abflug,
auf die Begegnung mit der anderen Seite,
auf den Perspektivwechsel und den Farbwechsel der Rosen
im Rosenbeet. Melde gehorsamst,
Atriplex patula.
Die Melde meldet sich zum Rapport, und auch der
Weiße Gänsefuß, Chenopodium album, ist bereit zum Dienst
an der Natur. Was sich im Hintergrund wie Rauschen anhört,
sind mein Tinnitus, und Erlen, die mit Weiden und einer Gruppe
von Pappeln im Gespräch sind. Blesshühner klicken im Schilf,
Schwäne gleiten vorbei und ein Graureiher sitzt reglos
auf dem Stumpf einer Weide.
So werden sie versammelt, die Protagonisten meiner Gedichte.
© Hanno Hartwig
(Dieses Gedicht ist ein Auszug aus meinem neuen Manuskript,
in dem Bäume das zentrale Thema sind.)
Hanno Hartwig wurde in Kassel geboren. Er ist 69 Jahre alt und schreibt seit seiner Kindheit Gedichte. Er ist Mitglied in verschiedenen Literaturvereinen, und nach 50 jähriger Berufstätigkeit in Rente. Er hat drei Lyrikbände veröffentlicht, und ist in verschiedenen Anthologien zu finden.
