Prunus serotina

Zwiespältige Hommage an die Spätblühende Traubenkirsche, die wir letzte Woche in der Stolper Heide gelichtet haben, um die Artenvielfalt zu fördern:

Prunus serotina

Spät ist es, aber nicht zu spät. Und das Blühende
ist es, das blüht. Früchtetragend, schwarz und
gediegen. Zähl die Lentizellen, da wo das Harz
austritt, wenn du es mit dem Messer ritzt oder
schneidest, oder über die Rinde schabst. Die
Wurzeln sind zäh und breit, fächern sich durch
den Boden, fächern für die Behauptung sich
selbst zu behaupten. Nichts Göttliches ist daran,
nichts Großes, nichts Weises, nur der beißende
Duft nach dem Brechen des Zweigs. Spät ist es,
aber nicht zu spät. Und das Blühende ist es, das
blüht. Ein Dickicht zwischen den Bäumen, das
Früchte trägt, später, schwarz und gediegen, und
das Laub so fremd und so anders ohne Ansatz
die Anderen zu lieben, oder heimisch zu werden.
Schattenreich endet das Keimen der Linden,
schweigen die Samen der Eichen, der Buchen,
kümmert selbst der Holunder, durch den Prunus,
den Späten, die serotina. Spielt Lieder, wenn die
Säge angesetzt wird, wenn die Wurzeln gerodet,
und Licht auf den Boden unserer Bäume fällt.

Hanno Hartwig 17.9.2021

Saisoneröffnung – Feierabendtraubenkirschen, 21.09.21, 16 Uhr

Nach einer viel zu langen Pause, aber gerade rechtzeitig, um das goldene Herbstwetter auszunutzen, melden wir uns endlich mit einer neuen Waldpflegeaktion zurück. Es geht wieder einmal mit dem Revierförster Peter Cyriax in die Stolper Heide unweit des S-Bahnhofs Heiligensee, um die invasive Traubenkirsche aus den Waldbeständen zu entfernen. (Mit etwas Glück sind deren durchaus leckere Früchte reif und können nebenbei vernascht/gesammelt werden …) Wer an diesem Dienstag (den 21.09.21) die Möglichkeit hat, früh Feierabend zu machen, ist herzlich eingeladen, mit uns den voraussichtlich schönen Herbsttag aktiv im Wald ausklingen zu lassen!

Anmeldung erforderlich, weitere Infos hier.

Wie immer freuen wir uns besonders über die Teilnahme von Kulturschaffenden, und ganz besonders, wenn diese sich durch das Walderlebnis zu einem kleinen künstlerischen Blogbeitrag (Photo, Text usw.) inspiriert fühlen!

Neujahrsgruß/Gedichte aus der Waldwerkstatt V: Ulrike

Nach längerer Feiertagspause begrüßen wir das neue Jahr mit einem weiteren Gedicht aus der Werkstatt „Wald pflanzen, Wald schreiben“ – Winterstimmung und Frühlingssehnsucht.

Farn

Ein abgerissener Zweig,
Verwelkt, verdorrt,
Trockenbraun und brüchig,
Zurückgelassen vom Sommer,
Weggeworfen, verweht,
In vergangener Bewegung verharrend,
Filigran, gefiedert,
Zeigt, wie jedes Jahr,
Die starre Zeit an.

Aus frostkahler Erde,
Mit Pflanzenresten überstreut,
Keimen Erinnerungen
An zartes, helles Grün,
Von unsichtbar verwurzelten,
Verzweigten Trieben hervorgebracht,
Steigt Sehnsucht
Nach Wachsen und Wuchern
Üppiger Farne, waldhoch.

Ulrike, geboren 1952, Buchhändlerin, Psychotherapeutin, 1992 von Westen nach Osten gewandert, lebe am Waldrand, schreibe seit Jahrzehnten Tagebuch, Berichte, Geschichten und Gedichte.

Dieses Gedicht entstand im Rahmen der Werkstatt „Wald pflanzen, Wald schreiben“ am 12. Oktober 2020 im Haus für Poesie.

 

Gedichte aus der Waldwerkstatt IV: Barbara Wiebking

I

Ein kleiner Eichling
neben blauschwarzer Feder,
er strebt nach dem Licht.

 

II

Bei unserer Lyrikwerkstatt „Wald pflanzen, Wald schreiben“ brachte die Werkstattleiterin Birgit Kreipe Land- und Forstwirtschaftliche Zeitungen mit, die Bilder und Fachtexte als kreativ zu verfremdende „Gedichtrohstoff“ lieferten – u. a. für folgendes Gedicht.

 

Als ———————–
——– Fux ————–
—————– mit —–
— milchtypisch ——–
—- starker Schulter, —
feminine —————–
—– Haselünne, ——–
—- Reservesiegerin. —

Rolle ——————–
———- Bulle ———
— Wille ——— Chilli

Frisch und straff in der Lende
— Tohuwabohu ——–
————— alte Kühe.

Tolle Vordereuter, ——
harmonische Übergänge,
————- Algenblume,
Powerhouse rotbunt. —

Guillaume ————–
schwärmte von ——–
überwältigenden ——
Embryonenverträgen,
— dänische ————
— abgekalbte ———
— Landwirtin ———
———- erhielt ——–
— Dream —– von —–
Fried ——- helm. —-

Barbara Wiebking stammt aus Niedersachsen, lebt jedoch seit 20 Jahren in Berlin. Sie übersetzt aus dem Englischen, Französischen und Italienischen, liebt Chorgesang und liest gern. Außerdem pflanzt sie immer wieder mal Bäume und mag Waldspaziergänge.

Absage und Aussichten

Es war doch zu schön, um wahr zu sein – die Performancereihe „ONE for ONE“ musste aus aktuellem Anlaß leider umkonzipiert werden, so dass eine Präsentation der Werkstattgedichte in diesem Rahmen nicht mehr sinnvoll wäre. Trotzdem vielen Dank an das ONE-for-ONE-Team für die Mut, ein solches Experiment zu wagen!

Die Vorbereitungen haben immerhin für einen neuen Schub an Gedichten gesorgt, die demnächst hier erscheinen werden.

Darauf können wir uns freuen, sowie auf weitere Pläne und Kooperationen im neuen Jahr, egal, welche Schwierigkeiten noch auf uns zukommen.

Lassen wir uns von den vielen Menschen unterschiedlichster Kreise inspirieren, die mit Ausdauer, starken Nerven und Erfindungsreichtum dafür gesorgt haben, dass 2020 ein kulturelles und soziales Leben weiterhin stattfinden konnte!

Waldschaffen-Lesung 17.12.20 auf dem Ku’damm

Unglaublich aber wahr – ein beherztes Kulturteam hat einen Weg gefunden, unter Einhaltung der Corona-Regeln kulturelle Begnungen „in real life“ zu ermöglichen, und zwar im 1-zu-1-Format. In einem leeren Ladenlokal im Kufürstendamm 51 werden vom 12.-20. Dezember 2020 Lesungen und Performances mitten im Weihnachtstrubel stattfinden. Am 17. Dezember von 13-15 Uhr wird auch Waldschaffen dabei sein – Isabel Fargo Cole wird Waldgedichte verschiedener Teilnehmende unseres Workshops „Wald pflanzen, Wald schreiben“ präsentieren.

ONE for ONE ist ein Ladenlokal mitten am Ku’damm Berlin, wo Besucher*innen in 1 zu 1-Performances individuell beschenkt werden. In kurzen Slots treffen die teilnehmenden Künstler*innen auf eine*n Besucher*in.
In diesen Minuten kann einem Text oder Musik gelauscht werden, ein Tanz oder eine Performance betrachtet werden. Das Erlebnis findet nur in diesem Raum zu dieser bestimmten Zeit statt  – ein Geschenk für Besucher*innen und eine Bühne für Musiker*innen, Performer*innen und Literat*innen.
Drei Plätze in jedem Slot können online gebucht werden, drei weitere stehen für spontane Besucherinnen und Besucher zur Verfügung. Weitere Infos und Buchungen hier.
Ich freue mich auf das schöne Experiment und sechs spannende Begegnungen!

Gedichte aus der Waldwerkstatt III: Rosemarie Küppers

Gedichte-Workshop I am 12.10.2020

Wir gingen unter den Eicheln im Wald, krochen mit gebeugten Rücken, knieten, sammelten Eicheln für den Förster, aus denen in langer Zeit wieder Eichelbäume werden sollten, wenn das Einpflanzen gelang. Es erinnerte mich an die Erzählungen meiner Eltern und Großeltern, aus den Hungerwintern der letzten Kriegsjahre, das verband sich mit dem Besonderen, was ich von der „deutschen“ Eiche wusste, was sie symbolisierte, und daraus wurde spontan das folgende Gedicht:

Im Futterwald

Eiche. Eichelbaum.
Heiliger Baum
der Tausend Jahre
an deren Ende
sie durch die Wälder krochen
hungrig und stumm
in dunklen Kleidern
über die knackenden Nüsse
im polierten glänzenden Haus
von Zucker Stärke und Protein
gebeugt wie Tiere
das Gesicht an der Erde

bei Tannenzapfen und Moos.
Später würden sie rösten und mahlen
backen und essen
auch die mit den Egerlingen
im bitteren Brot.
Noch unterm Bombengeschwader
die Arme gereckt
vor den Eichenzweigen
auf Schulterklappen und Helm
derer die sich
die Ewigkeit holten
wie vom Baum der alten Götter
als Essenz im Eichenlaub.

Rosemarie Küppers, Jahrgang 1953, geb. im Nordschwarzwald, seit 1971 in Berlin. Abitur auf dem „2. Bildungsweg“ und Jura-Studium. Vielfältige Berufstätigkeit, u.a. als Übersetzerin, freie Journalistin, Rechtsanwältin, Lehrbeauftragte für Umweltrecht, zuletzt Lehrkraft an berufsbildenden Schulen. Seit Rentenbeginn endlich mehr Zeit und Lust zum Schreiben .

Gedichte aus der Waldwerkstatt II: Marielle Matthee

(c) Mariëlle Matthee

Ich blinzelte eine Sekunde lang mit meinen Augenlidern. Eine Sekunde lang, viel länger als gewöhnlich, und das Sonnenlicht traf meine Pupillen, als ich die Augen öffnete. Ich sah die Bäume zwischen den Wimpernschatten, sah eine Sekunde lang, wie sie sich vor meinen Augen bewegten. Eine Bewegung, die mir nie bewusst war, eine Bewegung, die fast unmerklich war. Ich sah, wie sich das Grünfließen ihrer Kronen zum Boden neigte, und in dem Grünfließen sah ich, was ich für unmöglich hielt: Tränen. In nur einer Sekunde, dem Moment zwischen dem Licht, das in meine Augen eindrang, und dem Verstehen dessen, was ich sah.

I flashed my eyelids for one second. A second long, much longer than usual, and the sunlight hit my pupils when I opened my eyes. I saw the trees between the shadow of my lashes and saw one second long how they moved in front of my eyes. A motion I was never aware of, a motion almost unperceivable. I saw the greenflow of their crowns bow towards the ground and in the greenflow I saw what I thought was impossible: tears. In just a second, the moment between the light entering my eyes and the understanding of what I saw.  

Mariëlle Matthee ist eine niederländische Schriftstellerin und Dichterin mit einem Hauch von internationaler Gerechtigkeit. Sie lebt seit September 2020 in Berlin und sie studiert dort, wo die menschliche Sprache aufhört und die natürliche Sprache anfängt.

Dieses Gedicht entstand im Rahmen der Werkstatt „Wald pflanzen, Wald schreiben“ am 12. Oktober 2020 im Haus für Poesie.

Eichennester im Grenzstreifen

(c) Robbie Morrison, licensed Creative Commons CC‑BY‑4.0

Am 24. Oktober 2020 haben wir ein Stück der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze am Südrand der Stolper Heide mit Eichensämlingen aus der Umgebung bepflanzt. Zwischen den Kiefern, die seit dem Mauerfall im ehemaligen Grenzstreifen wachsen, haben wir kleine Flächen freigelegt, um jeweils 25 Eichensämlinge in „Nestern“ zu pflanzen. Frei nach dem Motto „Gemeinsam ist man stärker“ haben die kleinen Eichen so bessere Chancen, von den Rehen nicht vernascht zu werden.

(c) Robbie Morrison, licensed Creative Commons CC‑BY‑4.0

Leider ist es im Moment sehr unsicher, wann weitere Pflanzungen stattfinden können. Umso mehr freue ich mich, dass Robbie Morrison die Aktion und die Stimmung des goldenen Herbstes mit wunderschönen Fotos festgehalten hat.

(c) Robbie Morrison, licensed Creative Commons CC‑BY‑4.0

 

(c) Robbie Morrison, licensed Creative Commons CC‑BY‑4.0

Isabel Fargo Cole

Gedichte aus der Waldwerkstatt I: Hanno Hartwig

In lockerer Folge werden hier lyrische Ergebnisse unserer Schreibwerkstatt „Wald pflanzen, Wald schreiben“ präsentiert. So können sich die Waldgedanken weiter fortpflanzen, selbst wenn der Herbst mit neuen Einschränkungen vor der Tür steht.

(c) Isabel Fargo Cole

Sechs Gedichte von Hanno Hartwig


Zwei Übungsgedichte aus der Schreibwerkstatt:


Anders als gewohnt
(zum Lesen bitte auf den Link klicken!)


Sturm                                                                                                  

Ein Sturm beginnt,
der Äste bricht,
die Kraft im Holz
ist eine Welt für sich.

Was bricht, das fällt,
das schlägt, erschlägt,
lässt los, hält an, geho
rcht nur den Gesetzen.

Baum eins, Baum zwei,
ein Alter mehr als
Hundertjähriger wird
Ausgehebelt, freigestellt.

Legt seine Ohren an,
faltet sich zusammen,
im Wind, im Wind:
Der Sturm

Fällt vom Gebirg
herab, rutscht
durch den Wald auf
Regenschlitten,

Biegt die Bäume,
peitscht die Felsen,
rollt die Steine, bricht
Lawinen:   – SCHIEBT.

 

***


Dezember                                                                                            

Im Wald trägt der Holunder Nebel
wie eine bittere Wahrheit.
Der Tod ist ein anderer
im Wechsel der Jahre.
Kälte und Rauheit
leuchten
im Flackern der Reklamen.

***


Stirbt                                                                                        

Aus dem Scharnier geraten,
gerätst du unter Verdacht.
Du hast den Saum der Säume
zerschnitten, die
Fruchtbarkeit deiner Stunden
abgestellt. Wald du bist deinem
Geruch abhandengekommen,
dem Rauschen von einst
folgt nun das Klirren der Steine.
Der Bogen, der deine Ränder bog,
der Reifegrad des inneren Erlebens.
Es gibt keinen Refrain mehr
von Baum zu Baum. Nur ein
Verstummen der Melodien.

 

Des Waldes Rauschen                                                                      

Ich habe, und das ist noch nicht so lange her,
meine Hand auf das Moos der Bäume gelegt,
habe das Wasser gefühlt, sein Rauschen,
eingetragen in die Linien meiner Hand.

Ich habe, und das ist noch nicht so lange her,
mein Gesicht an die Wärme einer Eiche gelehnt,
habe tröstliches gefunden, sanftes Strömen,
durch das Kambium der Rinde. Manchmal

Schlugen Ameisen den Takt, legten Gärten
sie auf den Blättern an, weideten und riefen zum
Rapport. Sättigte Regen das Moos, gründete
das Myzel der Pilze einen Strom in der Tiefe,

Einen Strom, der um Wurzeln und um
Steine bog, wirbelnd in den Kapillaren der Erde.
Ein Mehr an Blüten fiel. Strophen säten,
Bilder in den Vorhang des Erinnerns. Ich hatte,

Und das ist noch nicht so lange her, den Mittel
punkt des Waldes gefunden, Grün mit lilanen
Spitzen. Denn weiße Segel auf blauem
Grund rauschten damals noch in den Bäumen.

 

Auf der Pfänderkuppe der Blick ins Tal …

Auf der Pfänderkuppe der Blick ins Tal:
Bewegter Wald und die Matrix der Tannen
hob sich ab, liebäugelte mit dem Feuervogel
des Abends. Wolken: dunkle Linien.
Ostwärts begann die Barke der Nacht.
Mit dem Tanz der Stunden zogen die Schatten des
Herbstes südwärts, der Pfeil der Graugänse flog.

 

Kurzbiografie Hanno Hartwig

1957 in Kassel geboren, wohne seit 1963 in Berlin bis heute.
Beruf Landschaftsgärtner, danach Gartenbaustudium
Dann öffentlicher Dienst bis heute. Seit 2003 amtlicher Baumsachverständigen.
Schreibe seit meinem 11. Lebensjahr.
Buchveröffentlichung: Helle Fenster 1. u. 2. Auflage
Nikolaus-Lenau-Lyrikpreis am 26.9.2020
Mitglied in mehreren Literaturvereinen.