Poetische Waldaufgaben im SelbstVERSuch

Wer an unserer Lyrikwerkstatt „Wald pflanzen, Wald schreiben“ nicht teilnehmen konnte, ist herzlich eingeladen, sich von den Übungsvorschlägen der Werkstattleiterin Birgit Kreipe inspirieren zu lassen, um im „SelbstVERSuch“ sich dem Thema „Waldgedicht“ zu nähern.

Birgit hat uns vorab einen Reader mit Waldgedichten von Goethe bis Ben Lerner zusammengestellt, um zu zeigen, wie dieses altehrwürdige Genre immer wieder neu belebt wird, zuletzt durch die Ansätze des Nature Writing. Bei unserer Exkursion in der Stolper Heide mit Revierförster Peter Cyriax hat sie uns angeregt, Gegenstände aus dem Wald als Inspiration mitzunehmen. Und schließlich hat sie als sprachlicher Rohstoff für lyrische Experimente zwei Ausschnitte aus forstwirtschaftlichen Texten vorgelegt – siehe unten.

Macht einen Waldspaziergang, nehmt an einer Pflanzaktion von uns oder von anderen Initiativen teil, lest  interessante Gegenstände vom Waldboden auf, stöbert in forstwirtschaflichen Beiträgen im Internet – Birgits Übungen können dabei helfen, die Eindrücke des Waldes zu Texten zu verdichten!

Isabel Fargo Cole

Warm-up (Forstwirtschaftliche Fachtexte)

Der vergleichsweise hohe Holzeinschlag im Jahr 2019 kann unter anderem auf eine Zwangsnutzung wegen Sturm, Trockenheit und vermehrten Insektenbefall zurückgeführt werden, der Schadholzanteil lag in diesem Jahr bei rund 67 % oder 42,6 Mio. Kubikmeter. Dabei ist besonders auffällig, dass der durch Insekten bedingte Schadholzanteil in 2018 und 2019 im Vergleich zum Vorjahr stark zugenommen hat und im Jahr 2019 die Hauptursache darstellt (siehe Abb. „Durch Schäden bedingter Holzeinschlag“). Dies ist im Wesentlichen durch die Hitze sowie Trockenheit der Jahre 2018 und 2019 und der damit einhergehenden Anfälligkeit bestimmter Baumarten für Schädlinge wie etwa den Borkenkäfer bedingt.

(Quelle: Umweltbundesamt)

Verjüngung und Kulturpflege (Höhenbereich bis 1,50 m). Eichenverjüngung sollte möglichst unter Schirm oder nach kleinen Lochhieben erfolgen. Auf größeren Freiflächen leidet sie häufig unter der Wirkung von Spätfrösten und einer kräftig entwickelten Bodenvegetation. In der Anwuchsphase haben junge Eichen eine hohe Schattentoleranz, die jedoch sehr schnell abnimmt. Auf trockenen und ärmeren Standorten haben die Jungpflanzen einen höheren Lichtbedarf. Nach Etablierung der Verjüngung müssen angepasste Lichtverhältnisse geschaffen werden. Zu langer Dunkelstand führt zu Wuchsdeformationen und Vitalitätsverlusten. Da die Eiche im Vergleich zu anderen Baumarten überdurchschnittlich durch Wildverbiss gefährdet ist, sind für eine erfolgreiche Verjüngung angepasste Wildbestände unabdingbar.

(Quelle: Waldbaurichtlinie für das Land Brandenburg: Eiche)

Aufgabe:

  • Versuche, durch sprachliche Interventionen einen der Texte zu poetisieren, ihn zu einem gedichtähnlichen Text zu machen: Von Zeilenumbrüchen, Umstellungen, Rhythmisierungen und Auslichtungen (bzw. Ausstreichungen), bis hin zu Übertreibungen, Ergänzungen und Verfremdung ist alles erlaubt!

Alternativ:

  • Versuche den Text verschwinden zu lassen, durch fortschreitendes Weglassen einzelner Laute im gesamten Text: Zunächst z. B. das „o“, nach ein paar Zeilen dann auch das „e“ usw., vielleicht können auch Konsonanten oder Wortzwischenräume verschwinden. Du kannst mit dieser Methode unkompliziert die Wirkung von Artenschwund, Verlust von Diversität u. ä. an der Textur des Textes selbst nachempfinden. Dieses Vorgehen hat Ulrike Draesner erfunden und vorgemacht (in: „Park“ 74, 2020).

Alternativ:

Wildlingswerbung, Nachverdichtung, Bodenverbesserung, Humusaufbau, Festmeter, Läuterung

Versuche, aus diesen oder anderen Fachbegriffen der Forstwirtschaft ein kurzes poetisches Statement zu entwickeln. Die Begriffe können dabei auch selbst verändert oder zu neuen Wörtern kombiniert werden.

Schreibübung: Gedicht oder kurzes Prosagedicht

A) Nimm Deinen mitgebrachten Gegenstand zur Hand. Betrachte ihn genau. In welchem Kontext hast Du ihn gefunden? Was erzählt er Dir über den Wald? Lass Deinen Assoziationen freien Lauf, frei nach Gaston Bachelard: In ganz kleinen Dingen und Gegenständen sind oft große Bilder verborgen.

B) Wie hat der Tag im Wald oder das Gespräch mit dem Förster Deine Wahrnehmung verändert? Welche Themen bewegen Dich weiter? Gab es einen besonderen Moment, den Du einfangen möchtest, oder eine Inspiration?

(Wenn Du nicht bei der Exkursion dabei warst, kein Problem: Erinnere Dich an einen Moment im Wald, der für Dich bedeutsam oder intensiv war, und arbeite damit und mit den Infos und Anregungen aus dem WS weiter).

Alternative Aufgaben:

C) Stell eine Liste kreativer Farbwörter und Farbnamen zusammen, für die Farben, die Dir im herbstlichen Wald aufgefallen sind.

D) Schreib ein Antwort- oder Gegengedicht zu einem der Texte aus dem Reader mit Waldgedichten.

E) Du kannst auch eine Collage anfertigen oder dich mit dem Material für Ausstreichungen beschäftigen: zum Beispiel mithilfe von viel Tipp-Ex ein „Gedicht“ aus einem Artikel aus der Zeitschrift „Land- und Forst“ machen.

F) Wenn Du einen anderen Ansatz findest, setze diesen um, oder schreibe frei Deinen eigenen Impulsen folgend.

Birgit Kreipe

(II) … Wald schreiben

Nach unserer Exkursion am 10. Oktober,  fanden wir uns am 12. Oktober in den Räumen des Hauses für Poesie ein, um unter der Anleitung der Lyrikerin Birgit Kreipe „SelbstVERSuche“ mit dem Wald anzustellen.

Nicht alle Teilnehmende waren bei der Exkursion gewesen, aber mitgebrachte Objekte aus dem Wald und Texte aus dem Bereich der Forstwirtschaft sorgten für ergiebigen Stoff. War es am 10. Oktober darum gegangen, einen Beitrag zum „Umbau“ der Forstmonokultur in einen Mischwald zu leisten, galt es nun, forstwirtschaftliche Texte zu Gedichten „umzubauen“.

Birgits ausgeklügelte Aufgaben lieferten konkrete Anregungen, ermutigten aber auch zum freien Experimentieren. Beindruckend, dass innerhalb von einer Viertelstunde schon lebendige, kraftvolle Texte entstehen konnten – es war, als würden Eicheln im Schnelldurchlauf keimen. Auch lebhafte Diskussionen entfalteten sich: Ist die Fachsprache der Forstleute eher inspirierend oder befremdlich? Stellt ihre Perspektive unsere gewohnten Waldbilder in Frage, irritiert sie uns mit ihrem Pragmatismus, erweitert sie unseren Horizont mit den langen Zeiträumen, die sie umfasst? Oder alles zugleich? („An einer Eiche verdient man erst nach achtzig Jahren“, so Revierförster Peter Cyriax.)

Vielen herzlichen Dank an alle, die teilgenommen haben und deren lyrische Einfälle und anregende Diskussionsbeiträge die erschwerten Bedingungen (Masken, herbstlich frische Luft) fast vergessen machten!

Ich freue mich sehr darauf, in den nächsten Tagen und Wochen einige künstlerische Ergebnisse unserer Werkstatt auf dieser Seite zu präsentieren – auf dass ein bisschen Waldluft in lyrischer Form durch das Home Office wehe!

Isabel Fargo Cole

(I) Wald pflanzen …

S Wollankstrasse unterwegs nach Heiligensee – der Wald im Spiegel.

Mit rund ein dutzend poetische Pflanzungswillige brechen wir am S-Bahnhof Heiligensee in die Stolper Heide auf, überqueren dabei die ehemalige deutsch-deutsche Grenze. Die eher unwitzigen Witze darüber, ob Brandenburg demnächst die Grenze schließt, werden bald vergessen, als Revierförster Peter Cyriax uns in die Ökologie und Ökonomie seines Waldes einführt. Er erklärt, warum wir die geplante Pflanzaktion mit Eichenkeimlingen – sogenannte „Wildlingswerbung“ – heute doch nicht durchführen können. Um einen Pflanzschock zu vermeiden, können die Keimlinge nämlich erst im kühleren, feuchteren Herbstwetter umgepflanzt werden, nachdem sie ihre Blätter abgeworfen haben. Durch den Klimawandel verlängert sich jedoch die Vegetationsperiode und verlagert sich die Pflanzzeit.

Peter erteilt uns eine andere Aufgabe: Eicheln sammeln. Diese sollen teils von seinen Mitarbeitern eingepflanzt, teils in Eichelhäher-Futterkästen ausgelegt werden. Denn die Eichelhäher legen im Herbst ihre Winterdepots an, und ein einzelner Vogel kann insgesamt tausende Eicheln an vielen Stellen in seinem Umfeld vergraben.  Und wenn der Eichelhäher vergisst, wo er sie versteckt hat, können sie dort keimen und wachsen. Eichen kommen damit an neue Standorte, Monokulturen werden „aufgemischt“.

Für uns sehr bequem – die Eichelhäher übernehmen das Buddeln, wir mussten lediglich die Vorarbeit leisten. Aber ordentlich! Nur schön feste Eicheln ohne Wurmlöcher kommen in den Eimer.

Pflanzstoff, Gedichtstoff. Das müsste reichen für einen kleinen Wald – oder mehrere Gedichtbände.

Wir arbeiten den Eichelhähern zu, Peters Border Terrier passen auf.

Das Bild des Waldbodens brennt sich auf meiner Netzhaut ein, ist beim Einschlafen immer noch da. Mitsamt dem Impuls, immer weiter zu sammeln, Wintervorräte anzulegen.

Neue Pflanzaktion: Stolper Heide, 24. Oktober 2020

Es hat sich leider herausgestellt, dass wir bei unserem poetischen Arbeitseinsatz am 10. Oktober 2020 in der Stolper Heide doch keine Pflanzung durchführen können – der Förster Peter Cyriax hat mitgeteilt, dass die Eichensämlinge u. a. auf Grund der andauernden Trockenheit noch nicht soweit sind. Stattdessen werden wir im Wald Eicheln sammeln und erfahren, was Peter damit alles vorhat. Am Montag werden wir unsere Erlebnisse in einem Workshop am Haus für Poesie literarisch verarbeiten. Ich freue mich, einige Ergebnisse unseres ersten Workshops bald auf dem Waldschaffen-Blog zu präsentieren!

Am 24. Oktober wird es noch eine Gelegenheit geben, unter Peters Anleitung eine Pflanzaktion mit Eichensämlingen durchzuführen – bis dahin ist wohl mit besserem (sprich: nasserem) Wetter zu rechnen. Diese Aktion ist nicht vornehmlich an Dichtende gerichtet, sondern an alle, wobei ich mich wie immer besonders über die Teilnehmende von Kulturschaffenden freue. Weitere Infos hier.

Workshopdebüt: Wald pflanzen, Wald schreiben

Ich freue mich sehr, das erste Waldschaffen-Workshop und die erste Kooperation mit einer Berliner Kultureinrichtung anzukündigen! Am 10. und 12. Oktober werde ich zusammen mit der Lyrikerin Birgit Kreipe eine Gruppe Schreibende in den Wald und anschließend ins Dickicht der Dichtung begleiten. Wir wollen erkunden, wie sich der Stoff des Waldes und der Waldarbeit sich poetisch umsetzen läßt. Keine poetische (oder fortwirtschaftliche) Vorkenntnisse sind notwendig!

Eine Kooperation mit dem Haus der Poesie mit der Unterstützung des Revierförsters Peter Cyriax (Revier Stolpe). Weitere Details und Hinweise zur Anmeldung findet Ihr hier.

Feierabend-Traubenkirschen in der Stolper Heide, 16.09.20

Der goldene Herbst lockt – am Mittwoch, dem 16.09.20, laden wir dazu ein, früh Feierabend zu machen und in die schöne Stolper Heide aufzubrechen. In der Nähe des S-Bahnhofs Heiligensee werden wir dem Förster Peter Cyriax helfen, die invasive „Spätblühende Traubenkirsche“ aus dem Waldbestand zu entfernen.  Weitere Infos und Anmeldung hier.

Ein Wust aus Traubenkirsche

Spätblühende Traubenkirsche (Prunus serotina)

Wüstemark – ein guter Ort, ein gutes Wort für den Anfang. Und die Erde war wüst und leer.

Wüst-Namen gibt es so einige in der Mark, sie erinnern an aufgegebene Siedlungen, an die Verwüstungen des 30-Jährigen Krieges, an die Pest-Epidemien oder andere Umwälzungen. Die Siedlung, die vor langer Zeit hier stand, hieß Gerhardsdorf oder Gersdorf. Auf der Webseite der Gemeinde Zeuthen heißt es:

Im 15. Jahrhundert setzte ein Wüstungsprozess ein, dessen Ursachen mannigfaltig waren: Fehler bei der Dorfgründung, klimatisch bedingte Missernten, Krankheiten, kriegerische Auseinandersetzungen und andere Plagen, aber auch das Bauernlegen konnte zur Wüstung führen, denn manche Ritter oder Gutsherren jagten die Bauern auf und davon und nahmen sich deren Land.

Einer dieser Gründe traf wohl auch auf Gerhardsdorp zu. In Miersdorf blieben nur vier Bauern und drei Kossäten übrig. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde Zeuthen bis auf einen Hof zerstört […]

Später ließ der König (aus Königs Wusterhausen) sich hier einen Jagdforst anlegen. Um welchen König es sich handelte, habe ich versäumt, Revierförster Stephan Parsiegla zu fragen, außerdem gefällt mir das Ungefähre-Märchenhafte. Stephan erzählt weiter von seinem Wald, in dessen Humus sich viel Geschichte versteckt, zu der auch wir nun beitragen dürfen.

Die Spätblühende Traubenkirsche (prunus serotina), in Nordamerika heimisch, wurde im 17. Jahrhundert als Zierpflanze eingeführt, im 19. Jahrhundert gezielt als Nutzholz angepflanzt, auch deshalb, weil sie den Boden mit Humus anreichert. „Aber die Geister, die man rief, wurde man nicht los“, sagt Stephan. Anders als in Nordamerika, wo die Traubenkirsche sich zum großen Baum mit wertvollem Holz auswächst, bleibt sie hier klein und mickrig, eignet sich nicht zum Holzlieferanten. Stattdessen wuchert sie, bildet eine dichte Strauchschicht, die andere Baum- und Pflanzarten verdrängt und die Entwicklung hin zu biodiversen (und damit klimastabileren) Wald verhindert. Inzwischen gilt sie unter Forstleuten als unbedingt zu bekämpfende „invasive Neophyt“.

Sie wurzelt zäh im Waldboden. Man muss sie an den Wurzeln ausreißen – schneidet sie nur oder sägt man sie ab, treibt sie um so energischer aus (es sei denn, man stülpt eine Tüte über den Stumpfen, dann bilden sich Pilze und töten den Rest ab). Kleine lebensfreudige Bäumchen ausreißen … dazu muss man sich zunächst überwinden. Schließlich können sie nichts dafür, dass diese seltsame Spezies Mensch sie hierher verfrachtet hat, um es sich nach wenigen Generationen anders zu überlegen.

Der Sinn der Aufgabe wird greifbar, lenkt man den Blick auf die anderen Bäume. Zunächst auf die Fichten, die als Monokultur diese Waldfläche prägen, leider aber schwer angegriffen sind – überall sieht man die braunen Kronen der abgestorbenen Bäume. Die meisten sind Opfer der letzten Hitzesommer. Der Borkenkäfer sitzt drin. Gesunde Bäume können ihn abwehren, sondern Harz ab, um die Käfer zu töten. Diese Fichten sind wehrlos, leiden an Hitzestress und Wassermangel. Auch wenn dieser Sommer zum Glück relativ regenreich war: Der Regen ist nicht tief in den Boden gedrungen, das Grundwasser hat sich noch nicht nachhaltig regenerieren können.

Auch deshalb gilt hier wie vielerorts das Stichwort „Waldumbau“: Nach und nach soll aus der anfälligen Fichtenmonokultur ein Laubmischwald entstehen, artenreicher, stabiler und hitzebeständiger. Zum einen sollen die vorhandenen Buchenbeständen des Wüstemarker Forsts sich weiter durchsetzen. Vom Standort her dürften hier eigentlich keine Buchen wachsen, erzählt Stephan. Es sei zu trocken, der Boden stimme nicht. Aber sie wachsen trotzdem. Also richtet man sich nach dem Beispiel der Natur und setzt Buchen zwischen den schwächelnden Fichten. Auch Wüstemarker Eichen sollen sich in den Fichtenflächen ausbreiten. Vor einigen Jahren hat Stephan Eichen hier angepflanzt, wegen der andauernden Trockenheit trieben sie nicht aus, er hatte sie längst aufgegeben. Jetzt sind sie doch noch gekommen. Und Robinien dürfen sich aussäen – sie sind zwar auch nicht heimisch, aber bessere Teamplayer, als die Traubenkirsche.

Die Traubenkirsche soll nicht ganz und gar verschwinden, es geht nur darum, ein dynamisches Gleichgewicht zu erreichen, bei dem viele verschiedene Arten ihre Nische finden können. Entfernt man das wuchernde Gesträuch der prunus serotina, kommen die anderen Bäumchen ans Licht – kleine Buchen und Eichen, kaum 20 Zentimeter groß, jeweils mit drei, vier Blättern. Diese Baumarten wachsen viel langsamer, die Eiche schickt erst einmal ihre Pfahlwurzel in die Tiefe. Damit sie sich behaupten können, muss man ihnen in der ersten Zeit mehr Freiraum und Licht schaffen.

Bei der Forstarbeit geht es immer wieder um feine Details und nuancierte Abwägungen. Viel Wissen und Erfahrung ist gefragt, der Aufwand ist enorm. In Brandenburg kommen erschwerend die Altlasten der Vergangenheit hinzu. Überall steckt der Waldboden voller Munitionen, von den Übungsplätzen der NVA oder noch vom 2. Weltkrieg – Stephan zeigt auf einen Bombentrichter auf der anderen Seite des Forstwegs. Auf dieser Fläche sind die Munitionen immerhin längst geräumt worden. Aber andernorts erschweren sie noch die Waldarbeit sowie – in verheerender Weise – die Bekämpfung von Waldbränden.

Es ist kaum zu fassen – längst ist der Zustand des Waldes in aller Munde, längst überbieten sich auch die letzten Politiker mit hippen Ökolösungen und schicken Umwelttechnologien, aber die so grundlegende Arbeit der Forstleute bleibt ungewürdigt und unterfinanziert. Jahrzehntelang wurde der Wald buchstäblich totgespart. „Nach 30 Jahren Stellenabbau und dem Verlust von 60 Prozent des Forstpersonals braucht Deutschland 10.000 mehr Forstleute für den Wald“ forderte der Bund deutscher Forstleute 2019. Nachwuchs gäbe es durchaus, meint Stephan, die Nachfrage an Praktikumsplätzen bei ihm ist groß, auch interessieren sich immer mehr Frauen für den Beruf.

Das gern bemühte Wort „Nachhaltigkeit“ ist ein Begriff aus der Forstwirtschaft: Eine Generation pflanzt und pflegt den Wald für die nächste. Dieser Generationenvertrag, sagt Stephan ernst, ist in unserer Zeit offenbar gekündigt worden.

Immerhin können auch Laien wie wir einige Arbeiten übernehmen und somit einen kleinen Beitrag zum Erhalt der Wälder leisten – Lebensgrundlage nicht nur der nächsten Generation, sondern schon für unsere Existenz notwendig.

Mit ihrem zähen, weitläufigen Wurzelgeflecht erinnert die Traubenkirsche daran, wie komplex die geschichtlichen wie ökologischen Zusammenhänge sind und wie wichtig es ist, die Folgen des eigenen Handelns zu überprüfen und notfalls zu korrigieren. Man kann Fehler machen, die Zeit wird zeigen, was richtig war. Gerade deshalb muss man dranbleiben.

Corona-Update und -minimanifest

Mit „Waldschaffen“ sollen Kulturschaffende vom Schreibtisch in den Wald gelockt werden, um bei Pflanz- und Waldpflegemaßnahmen den „Waldstoff“ ganz konkret anzupacken. Die Resonanz auf die erste geplante Pflanzaktion war überwältigend, Kooperationen mit Kultureinrichtungen haben sich angebahnt … Leider haben wir stattdessen die Erfahrung machen müssen, gnadenloser als zuvor am Schreibtisch gefesselt zu sitzen und nur zuschauen zu können, was draußen in der Welt passiert.

Anfang des Jahres haben wir in Berlin eine Hochkonjunktur der Freiwilligenenergien erlebt. Darauf wollen wir bald wieder aufbauen. In der Hoffnung, dass die Corona-Lage sich nachhaltig stabilisiert, versuchen wir schon für den Sommer, spätestens für den Herbst neue Waldeinsätze in die Wege zu leiten – natürlich unter Berücksichtigung aller empfohlenen Vorsichtsmaßnahmen. Viele Waldprojekte kann man jetzt schon mit einer Geldspende unterstützen – einige findet Ihr hier aufgelistet.

Und nun ein kleines Corona-Manifest aus meiner Schublade. Ich habe es Ende März geschrieben und liegen gelassen, und inzwischen ist alles tausendmal gesagt worden – aber es ist doch auch schön, wenn viele Menschen gerade in die gleiche Richtung denken.

Ein Nachtrag vorweg: „Die Krise als Chance begreifen“ ist ein beliebter Spruch zurzeit und ich schlage ja in dieselbe Kerbe. Aber wesentlich angenehmer wäre es gewesen, auf die Krisen zu verzichten und vielmehr die „normalen“ Zeiten als Chance zu begreifen.

In diesem Sinne hoffe ich auf die baldige (Wieder)herstellung einer „Normalität“, die wir als Chance nutzen können, um die Krisen in den Griff zu kriegen. Dazu fallen mir die Worte des Chemikers und Dissidenten Robert Havemann ein:

„Der Mensch mit seiner aktiven Tätigkeit ist nicht etwa Spielball phantastischer blinder Zufälle, sondern umgekehrt: von der Zufälligkeit der Ereignisse macht er praktischen Gebrauch, um zu erreichen, was er erstrebt. Gäbe es die Blindheit des Zufalls nicht, wir könnten mit unseren sehenden Augen die Welt nicht verändern. Die Freiheit des Menschen beruht gerade darauf, dass die Zukunft der Welt bestimmt werden kann, weil sie es noch nicht ist.“
(Aus: „Dialektik ohne Dogma. Naturwissenschaft und Weltanschauung.“)

Kleines Corona-Manifest

Die Ausnahmesituation, in der wir uns befinden, birgt sowohl Chancen als auch bittere Ironien, gerade, was das soziale und ökologische Engagement angeht.

Einerseits wird das „Runterfahren“ des Gesellschafts- und Wirtschaftslebens der Umwelt wohl kurzfristig zu Gute kommen. Andererseits wird schmerzhaft klar, wie sehr es die gesellschaftlichen Strukturen lähmt und wie sehr die Bemühungen um eine nachhaltige Gesellschaft auf ebendiese Strukturen angewiesen sind – ob nun auf den politisch engagierten Verlag, den Umweltverein oder die Kiezkneipe, in der man die wirklich wichtigen Gespräche führt. Oder schlicht und einfach auf das Weiterfließen des Geldes. Dass unser auf explosivem Wachstum beruhende Lebensweise fragil ist, dass wir sie umdenken müssen, wird spätestens jetzt überdeutlich – aber auch, dass es extrem wichtig ist, dabei für Kontinuität und Zusammenhalt zu sorgen und gemeinsam Lösungen auszuhandeln, mit denen alle leben können.

In unserer hochkomplexen Welt hat niemand von uns die alleingültige Perspektive. Um zu überleben, müssen wir endlich über das Lagerdenken hinauskommen, wir müssen Gemeinsamkeiten suchen, müssen lernen, mit unseren menschlichen Schwächen und Widersprüchen und denen unserer Mitmenschen klarzukommen. Unsere Diskurse sind längst viral verseucht von einer hirntötenden Plage: Nullsummen-Denken, künstliche Polarisierungen und Feindbilder, die über gemeinsame Interessen hinwegtäuschen und Handlungsfähigkeit lähmen. Wenn schon social distancing – dann lasst uns doch von unseren Feindbildern Abstand nehmen!

Immer wieder wird behauptet, digitale Werkzeuge könnten uns über diese deprimierende physische Distanzierung hinweghelfen. Es ist gut, dass es diese Werkzeuge gibt und dass Individuen und Institutionen verstärkt mit virtuellen Begegnungsformaten experimentieren. Gerade in Zukunft könnten sie eine wichtige Rolle spielen, z. B. um klimaschädliche Reisen zu reduzieren oder soziale Teilhabe zu erleichtern. Aber unser Heil können wir nicht im Virtuellen suchen, vor allem nicht in den digitalen Räumen der von Großkonzernen beherrschten „sozialen“ Medien, die auf Grund mangelhafter Regulierung unsere Daten missbrauchen und mit manipulativen Algorithmen unsere Diskurse vergiften. Lasst uns die Chance nutzen, um intimere, nichtkommerzielle Formate auszuloten – und uns gleichzeitig für demokratische Kontrollen stark zu machen.

Doch so oder so kann ein virtueller Waldspaziergang nur über die Zeit hinwegtrösten, bis wir wieder in den Wald können. Man kann den Wald nicht im Home Office pflegen, man kann keine digitalen Bäume pflanzen.

So kitschig wie es klingt, lässt diese Krise plötzlich viel klarer erkennen, was für das Leben tatsächlich wichtig ist – welche Arbeiten letzten Endes systemerhaltend und welche physischen und psychischen Bedürfnisse existentiell sind.

Diejenigen, deren berufliche Existenz gefährdet ist, bangen nicht „nur“ um das Geld, sondern oft um den Verlust der Alltagsstrukturen und der sinngebenden Beschäftigung. Für manche stellt die Isolation das Familienleben auf die Probe, sie vermissen ihre Rückzugs- und Freiräume. Diejenigen, die jetzt allein zu Hause sind – oder sich gezwungen sehen, sich ausgerechnet von den Menschen fernzuhalten, um die sie sich nun Sorgen machen –, spüren die Wichtigkeit der selbstverständlichen menschlichen Nähe, die keine Technologie ersetzen kann.

Die vorübergehende Einschränkung unserer Freiheiten mag in dieser Ausnahmesituation gerechtfertigt sein, doch der Schock darüber ist groß – und ebenso gerechtfertigt. Hoffentlich bringt er uns dazu, die Freiheit neu wertzuschätzen.

Noch vor wenigen Monaten wurde in Bezug auf den Umweltschutz eine „Verzichtsdebatte“ geführt, deren Maßstäbe im Nachhinein reichlich abgehoben anmuten. Denn inzwischen sind wir gezwungen, auf Grundlegenderes als Transatlantikflüge oder Steaks zu verzichten. Vielleicht wird es leichter fallen, auf einen gewissen Konsumluxus zu verzichten, wenn wir dafür das Essentielle bewahren, ja sogar für alle gerechter gewährleisten können. (Z. B. Klopapier, Kiezkneipen, Kultur, Kliniken, menschliche Kommunikation, ein lebensfreundliches Klima, und und …)

Ob Corona- oder die Umweltkrise – wir müssen Wege finden, die reale Welt vor der Haustür weiterhin zu bewohnen, wir müssen uns dort wieder zusammenzufinden, ohne einander zu gefährden!

Statt Eichen: Apfelsämlinge

Eine Rundmail des Künstlers Reinhard Krehl, der sich mit Botanik beschäftigt, erreichte mich gerade als wir uns gezwungen sahen, unsere erste geplante Pflanzaktion wegen der Corona-Krise abzusagen. Da sie sehr schon zum Thema und zur Stimmung passt, poste ich sie hier mit seiner freundlichen Genehmigung. Danke, Reinhard, für die tröstlichen Gedanken und für den Impuls, diesen Blog mit „imaginären KunstSpaziergängen“ während der erzwungenen Isolation weiterzuführen!

Isabel

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1870 wurde von F. Baumann und Adolf Daepp bei einem Spaziergang in Opplingen im Kanton Bern ein Waldsämling entdeckt, ein Apfelbaum, der eine neue Sorte war. Rotschalig, fest, saftig, süß-weinsäuerlich mit himbeerartigem Gewürz.

Diesen Spaziergang gehe ich nun gedanklich nach, denn letzte Woche sind die Apfelbäumchen aus den Kernen gekeimt.

So wird das Apfelbäumchen zu einem Statement für die Kunst in schwierigen Zeiten.

neuer berner rosen apfel

zerbrechlich

die ganze welt

anfällig gegen mehltau

und schorf

in vollem rot

allein

in einem wald

was nutzt es

himbeerartig im gewürz

zu sein

saftig und weinsäuerlich süß

meine rosaceae

kleines äpfelchen

wie kunstvoll und inspirierend imaginäre KunstSpaziergänge trotz Gesundheits- und Existenznöten sein können…

Reinhard Krehl (www.reinhardkrehl.de)